Weniger SDE, weniger Komfort – Samsung Odyssey+ im Test

Die Samsung Odyssey+ ist offiziell nicht in Deutschland erhältlich – wir waren trotzdem neugierig und haben sie importiert.

Selten fiel mir ein Testfazit so schwer wie bei der Odyssey+. Samsung hat einiges richtig gemacht, muss sich aber auch Kritik gefallen lassen. Doch dazu später mehr, im Fazit nämlich. Wir werden diesen Test auch mit der Zeit noch erweitern – auch um Tipps wie sich das Anschlusskabel verlängern lässt und Tricks zum Gesichtspolster.

Die Samsung Odyssey+ ist im Herzen eine weiterentwickelte Samsung Odyssey. Ein Windows Mixed Reality Headset mit der hohen Auflösung der HTC Vive Pro – 2.880×1.600 Bildpunkte bei einer Pixeldichte von 616 ppi und im Gegensatz zu anderen WMR-Brillen: OLED. Das Tracking geschieht daher wie bei WMR üblich per im Headset integrierten Kameras, Inside-Out Tracking genannt. Samsungs Kniff bei der Odyssey+ ist aber eine Anti-Screendoor-Beschichtung, die das Licht der Bildpunkte so streuen soll, dass weniger bis kein Pixelgitter mehr sichtbar ist. Der Hersteller spricht daher von einer wahrgenommenen Auflösung, diese verdoppelt sich auf 1.233 ppi.

Kein Screendooreffekt – perfekt für Filme

Wir waren natürlich gespannt, ob Samsung dieses Versprechen einhalten kann – vor allem Besitzer der HTC Vive, erste Generation, dürften den ausgeprägten Screendooreffekt satt haben. Und tatsächlich, der Bildeindruck mit der Odyssey+ ist einwandfrei. Haben wir beim Aufsetzen den recht kleinen Sweetspot gefunden (dazu gleich mehr) ist das Bild nicht nur angenehm scharf, es lässt sich auch so gut wie kein Screendoor-Effekt wahrnehmen – beeindruckend!

Weniger Screendoor dank Spezialbeschichtung?
Eine Beschichtung verhindert den Screendooreffkt – klappt wirklich!

Die Beschichtung macht das Bild aber nicht unscharf, auch Text ist gut zu erkennen. Besonders beeindruckend sind Filme auf einer virtuellen Leinwand. Samsung hat hier das Zaubermittel für alle, die die VR-Brille primär zum Filmkonsum nutzen wollen. Zwar ersetzt die Odyssey+ noch nicht den 4K-Fernseher, dafür fehlt es noch an Auflösung und damit Bildschärfe. Störende Pixelgitter gibt es hier aber keine mehr, die den Filmeindruck verschlechtern würden.

Passt nicht jedem: Wenig flexible Polsterung

Den bereits angesprochenen Sweetspot aber erst einmal zu finden ist gar nicht so einfach. Wobei wir relativieren müssen: Es kommt offenbar stark auf die Kopfform an. Die von Samsung genutzten Polsterungen, vor allem das abnehmbare fürs Gesicht, sind für einige Köpfe offenbar etwas schmal. In der Folge ist es schwer, den Sweetspot für ein scharfes und unverzerrtes Bild zu finden. Ich musste mir die Odyssey+ am Anfang bis auf die Nasenspitze rücken, was nach sehr kurzer Zeit schmerzhaft war.

Abhilfe hat ein Provisorium geschaffen: Ein Ersatz-Polster der HTC Vive, einfach auf das Samsung-Polster gelegt (idealerweise mit dünnen Kabelbindern damit fixiert) sorgt für mehr Abstand zu den Linsen und zumindest bei mir für einen einwandfrei erreichbaren und ausreichend großen Sweetspot ohne, dass die Odyssey+ dabei auf dem Kopf wackelt.

Andere Besitzer der Odyssey+ berichten allerdings, sie hätten keinerlei Probleme gehabt – offenbar ist genau dieser Punkt individuell unterschiedlich. Das macht es besonders bedauerlich, dass Samsung die VR-Brille nicht in Deutschland verkauft: Ausprobieren ist unmöglich, da sie importiert werden muss. Immerhin (wenn auch teuer) bietet sie seit kurzem auch Amazon.com inklusive Deutschland-Versand.

Samsung Odyssey+: Gute Kopfhörer, kurzes Kabel

Die Polster der Samsung Odyssey+ lassen sich nur zum Teil wechseln: Das primäre Gesichtscover ist per Klett montiert, Stirn und Hinterkopf werden von fest montierten Schaumstoff-Polstern gestützt. Schlecht für die Hygiene, wer viel schwitzt oder die Brille oft zwischen verschiedenen Personen wechselt sollte hier aufpassen.

Gegenüber dem Vorgänger nicht stark geändert wurden die Kopfhörer, die weiterhin von AKG stammen und einen recht guten Klang aufs Ohr geben. Allerdings fürchte ich um die dauerhafte Haltbarkeit – hier sind auch schon die Kopfhörer des Deluxe Audio Strap abgebrochen. Dauereinsatz..

Ein unter Umständen ärgerlicher Punkt ist das mit laut offizieller Angabe 3,99 Meter vergleichsweise kurze Anschlusskabel. Die HTC Vive wird mit einem 5 Meter langem 3-in-1-Kabel ausgeliefert, was für Roomscale in meinen Augen das Minimum darstellt. Wir raten daher dringend zu einer Verlängerung um 1,5-2 Meter, es sei denn die Odyssey+ soll für sitzende VR genutzt werden oder der Spielraum ist entsprechend klein. Ein Wireless-Modul gibt es für die Odyssey+ leider nicht.

Systemanforderungen: Quadcore mit GTX 1070

Die vergleichsweise hohe Auflösung der Odyssey+ fordert ihren Tribut in Form von GPU-Leistung: Zwar lassen sich einige Spiele auch mit einer RX570 gut spielen, von 90 FPS sind wir aber weit genug entfernt um mit Microsofts Reprojektionstechnik Bekanntschaft zu machen. Uneingeschränkt nutzbar wird die Odyssey+ ab einer GTX 1070 / Vega56, wer auch noch Supersampling hinzuschalten will sollte aber etwas mehr Reserven einplanen.

Der PC muss zwingend Windows 10 mit aktuellem Update nutzen, da Microsofts Windows Mixed Reality Portal Bestandteil des Betriebssystems ist und kein beliebig installierbares Zusatzprogramm. Für das Kameratracking sollte es in eurem Raum zudem nicht zu dunkel sein, am besten funktioniert es auch wenn ihr spiegelnde Oberflächen abdeckt. Dann zeigt sich aber der Komfort von Inside-Out: Die Odyssey+ wird nur per USB 3.0 und Displayport verbunden, installiert sich automatisch und benötigt keine externen Kameras oder Sensoren. Die Controller sind bereits mit der Brille gepairt – anschalten und läuft. Samsung war als erster WMR-Hersteller klug genug, einen Bluetooth-Adapter ins VR-Headset zu integrieren. Das sorgt zudem für weniger Trackingprobleme

Tracking: Nicht ideal

Allerdings sind „weniger Probleme“ immer noch Probleme. Die Kameras nehmen die Umgebung zwar bereits im Weitwinkel auf, den Rücken des Spielers können sie (anders als Lighthouse beispielsweise) aber nicht sehen. Wer also eine Waffe hinter dem Rücken geparkt hat kann damit rechnen, dass das Tracking beim Greifen aussetzt. Da die Software aufgrund der begonnenen Bewegung versucht die Trackingposition auch ohne Sichtkontakt zu „erraten“ funktionieren schnelle und fließende Bewegungen aber auch außerhalb des Sichtfeldes. Das ist durchaus beeindruckend, zaubern kann Microsoft aber ebenso wenig wie Samsung. Halten wir die Hand zu lange außerhalb des Sichtfeldes ist das Tracking verloren.

Dann zuckt unsere Waffe, das Werkzeug oder was auch immer wie in der Hand halten plötzlich und oft störend ins Sichtfeld. Solange im Spiel oder der Anwendung genug Action herrscht um mich zu schnellen und fließenden Bewegungen zu nötigen komme ich mit dem Tracking zurecht. Bei Contractors allerdings, wo ich die Waffe tief halten muss um schneller zu laufen, springt mir das Gewehr immer ins Gesicht wenn das Tracking wieder greift. Das Tracking funktioniert zwar deutlich besser als bei der ebenfalls von mir getesteten Acer WMR, an Rift oder gar Vive kommt es jedoch nicht heran.

Fazit

Die ersten Tage mit der Odyssey+ waren die Hölle. Die Brille saß auf meinem Kopf in keiner Position zufriedenstellend, das Bild war nur selten scharf und wenn dann schmerzte die Nase – wahrscheinlich ist Voldemort ein Opfer der Odyssey+. Mit einem zusätzlich auf die eigentliche Gesichtspolsterung gelegten Vive-Polster war aber auf einmal alles so wie beispielsweise von MRTV positiv berichtet: Bild scharf, Pixelgitter futsch und Sweetspot klein aber ausreichend. Dass ich mir eine VR-Brille aber erst mit Schaumstoff tweaken muss damit sie auf meinen nun nicht allzu ungewöhnlich geformten Kopf passt ist ein Unding.

Dazu kommt das recht kurze Anschlusskabel, das in vielen Räumen Roomscale verhindern dürfte und das nicht in jedem Fall unproblematische Tracking – ich bin zwiegespalten. Das hochauflösende Bild ohne sichtbaren Screendooreffekt ist beeindruckend und sorgt dauernd für den Gedanken „ah, SO ist das gedacht!“. Der Rückschritt wieder zur Vive oder Rift tut fast schon weh. Allerdings sind die dafür einzugehenden Kompromisse keine geringen: Wenig Spielraum ohne Verlängerung und ein unter Umständen ohne Modding extrem schlechter Tragekomfort sowie bestenfalls befriedigendes aber nur selten wirklich überzeugendes Tracking sollte jeder in seine Kaufentscheidung einbeziehen.

 

Anzeige




9 Kommentare

  1. Danke für den Test. Mich würde interessieren Dennis, wie du nun zu Pimax stehst. Also ein Vergleich zwischen 5k+ und 8k und der Odyssee +.

    Hat die Odysee + Vorteile gegenüber der 5k+ in Sachen Fliegengitter oder
    ist die Pimax 5k+ doch besser.

    Vermisst du das FoV der Pimax oder bist du jetzt zufrieden mit der Samsung?
    Bin Pimax backer 5xxxx. Das wird noch dauern.

    • Auch wenn ich die 5K+ schon sehr gut fand in Bezug auf Fliegengitter, die Odyssey+ ist deutlich besser. Wenn man sich nur diesen Teilaspekt rauspickt führt sie sogar mit großem Abstand. Du kannst es dir wie eine Playstation VR mit deutlich höherer Auflösung und mehr Rechenpower dahinter vorstellen.

      Aber den FoV der Pimax vermisst wohl jeder, der sie einmal auf dem Kopf hatte. Ich habe mich damit abgefunden, noch eine Zeitlang in der ersten Generation zu stecken, schon aus Kostengründen alleine bei der GPU (habe „nur“ eine 1070). Daher kann ich damit leben, wenn ich jetzt aber die Chance auf eine Pimax und eine 2080 hätte ohne meinen Bankmitarbeitern den Kopf explodieren zu lassen würde ich sofort umsteigen!

      Ich bin ja sogar am Überlegen ob ich nicht des besseren Trackings wegen weiterhin die Vive nutze statt die O+. SDE ist zwar absolut Topp aber irgendwie auch nebensächlich für mich.

      • Ist bei deiner Brille die ipd auch um 3mm verstellt?
        Also min. Ipd sollte gemessen 60 sein angezeigt wird aber 63.1.
        Hab das nur gemessen weil die Ecken von den Fresnellinsen
        Schon arg verzehrt sind.

  2. Alles klar. Danke dir Dennis. Genau da wollte ich wissen. Für mich ist Fliegengitter sehr wichtig. Wahrscheinlich wichtiger als Tracking.
    Falls du die Odysee + mal verkaufen willst, dann kannst dich bei mir mal melden.
    Ich hatte Glück, konnte meine 1080 gut verkaufen und relativ günstig auf eine gebrauchte 1080 ti upgraden.
    Momentan ist bei mir in VR nicht viel los, bin als leidenschaftlicher Battlefield Spieler gut beschäftigt.

    • Vielleicht solltest du mal einen Blick auf Contractors werfen, das macht für mich jeden anderen VR-Multiplayershooter platt obwohls noch in der Beta ist.

      Bin mir übrigens wirklich noch nicht sicher ob ich die O+ behalten soll. Das SDE-freie Bild ist purer Luxus und ich werde es sicher vermissen. Aber dann merke ich halt immer wieder, wie unwichtig mir ein optimales Bild ist wenn Tracking und Komfort nicht stimmen 🙁 .

    • Hey 😉
      Also Komfort und Abstand waren bisher kein Problem mit der O+, allerdings habe ich ein recht dünnes Gestell hier. könnte es nochmal mit ner anderen Brille testen wenn es für dich relevant ist. Optisch macht das auch keinen unterschied, aber das Aufsetzen der O+ nervt Megamäßig, weil sie durch das starre Gestell ohne Klapp- oder „vor- und zurückschiebe Funktion“ wie es andere HMD haben, extrem nervig aufzusetzen ist.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.