Asgard’s Wrath – Der erste AAA Titel für Virtual Reality mit langer Spielzeit?

Für Asgard’s Wrath hat Oculus viel Geld in die Hand genommen und ein richtige VR-AAA-Spiel mit reeller Spielzeit entwickelt. Für die VR-Legion hat nullptr|ron ausführlich gespielt und getestet.

Da ist das Ding! Endlich ist es da, das erste richtige nativ für VR entwickelte RPG, das diesen Titel auch verdient. Nichts gegen die Vanishing Realms oder Karnage Chronicles dieser Welt, aber seien wir mal ehrlich: Diese waren für gestandene RPG-Veteranen höchstens ein kleiner Snack für Zwischendurch. Was all die Dinge betrifft, die ein richtiges RPG so ausmachen (also Looting, Item-Management, Charakterentwicklung, Spieltiefe, Kampfmechanik, Story, Spielwelt, etc.) gab es bis jetzt unter den VR-Vertretern noch reichlich Luft nach oben.

Ist die Welt schon bereit für VR-RPGs? Und wenn ja: welche?

Dabei ist VR gerade für das RPG-Genre (ebenso wie für Simulationen) ja ein potenzieller Gamechanger, da beide das gleiche ultimative Ziel verfolgen: den Anwender möglichst immersiv und umfangreich in eine Rolle schlüpfen zu lassen. VR geht dieses Ziel von der Hardwareseite an und RPGs von der Softwareseite.
Leider ist die Entwicklung der dafür notwendigen umfangreichen Mechaniken auf der Softwareseite sehr aufwändig und damit teuer und das Erschaffen großer Spielwelten und Geschichten ebenso. Ein VR-natives RPG in einem Umfang zu entwickeln, der erfahrene RPGler befriedigt (oder zumindest nicht enttäuscht) ist demnach für kleine klamme Indie-Studios nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, da, bedingt durch die eher kleine VR-Playerbase, auch nicht mit unbedingt mit einem ROI (return of investment) gerechnet werden kann.

Dieser Umstand führt uns zum allgegenwärtigen Henne-Ei-Problem der modernen VR: die Playerbase ist klein weil entsprechende hochwertige Software fehlt, und hochwertige Software lohnt sich nicht zu entwickeln, weil die Playerbase zu klein ist.

Loki unterstützt euch, vertraut ihm aber lieber nicht zu sehr. Kein Spoiler, mythologisches Grundwissen.

Facebook to the rescue!

Wie entkommt man also diesem Teufelskreis? Man kann die Hardware den Kunden nicht aufzwingen aber man kann dafür sorgen sie sich die Hardware freiwillig kaufen, indem man unter Aufwendung von viel Geld großartige Spiele finanziert und hofft diese Investition durch das Wachstum der jeweiligen Plattform mittel- bis langfristig wieder hereinzuholen. Ein Plattform-Kickstart quasi. Und genau das tun momentan Oculus (mit Hilfe der Facebook-Millionen) und Sony (Playstation VR), was aber natürlich stets in einer jeweiligen Plattformexklusivität resultiert. Dass es die qualitativ hochwertigsten VR-Spiele aktuell bei Oculus und Sony gibt dürfte kaum jemand ernsthaft bestreiten. Mit Asgard´s Wrath (erhältlich seit dem 10.10.2019) erhält die Riege dieser Spiele auf der Oculus-Plattform nun einen neuen Anführer in strahlender Rüstung, der für Oculus vom Entwicklerstudio Sanzaru Games (bekannt duch Marvel Powers United VR) entwickelt wurde.

Wo bitte geht’s nach Valhalla?

Die Story von Asgard´s Wrath kommt am Anfang simpel daher. Ihr spielt einen Neuankömmling in der Riege nordischer Götter, einen Gott der Tiere. Nachdem ihr dem Trickster-Gott Loki im Intro des Spiels beim Kampf gegen einen Riesenoctopus geholfen habt, nimmt euch Loki unter seine Fittiche und hilft euch dabei eure Kräfte zu entwickeln. Welchen Hintergedanken Loki dabei verfolgt wird verständlicherweise nicht verraten. In der Spielmechanik entfaltet sich dann ein „Inception“-artiger Effekt: ihr als Spieler spielt in VR einen Gott, der wiederum im Rahmen der Story in die Haut von fünf verschiedenen sterblichen Helden in fünf verschiedenen Welten schlüpft und diese steuert.

 

Das Bewusstsein der Helden bleibt bei diesem Prozess aber erhalten, so dass diese wiederum jeweils mit eurer Hilfe ein persönliches Anliegen verfolgen. Durch diesen Trick hat das Spiel sozusagen fünf verschiedene Stories aus verschiedenen Perspektiven. Jeder Held hat neben einer persönlichen Story auch einen anderen Charakter und vor allem auch andere Heldenwaffen, so es dass zwischen den fünf Helden auch eine Varianz beim Gameplay gibt. Ihr könnt mit einmal freigeschalteten Helden aber auch die Welten der anderen Helden bereisen, sofern ihr diese bereits abgeschlossen habt.

Ihr könnt allerdings an gewissen Stellen auch den Heldenkörper verlassen und in den Gott-Modus wechseln. In diesem seht ihr dann die Welt in einer Art Diorama und könnt dort z.B. für euren Helden einen Weg freimachen oder Rätsel lösen bei denen ihr ein Totem, dessen Teile ihr zuerst finden müsst, zusammensetzt.

Met und Samen

Als zentraler Hub zwischen den Welten dient Aegir’s Kneipe (die Methalle der Götter), wo ihr Waffen und Items craften, lagern, verkaufen und kaufen könnt. Außerdem findet ihr hier diverse Minispiele (Axt werfen und Münzen springen lassen) und im Rahmen der Haupt-Questreihe kommt ihr auch immer mal wieder hier vorbei. Der Weltenbaum Yggdrasil ist auch im Spiel vertreten. Hier könnt ihr bis zu zehn verschiedene Perks freischalten. Die dafür benötigten Samenkörner erhaltet ihr, indem ihr an Stellen in den fünf regulären Spielwelten, an denen andere (echte) Spieler gescheitert sind, diese in kurzen Arenakämpfen gegen Gegner mit variierenden Schwierigkeitsgraden rächt.

 

Der nordische Dr. Dolittle

Einen Coop-Multiplayer-Modus bietet Asgard´s Wrath zwar nicht, aber da ihr der Gott der Tiere seid, könnt ihr euch aus diversen Tieren Helfer-Gefolgsleute (Follower) erschaffen, die euch auf euren Abenteuern begleiten. Insgesamt gibt es zehn verschiedene Follower, die ihr an gewissen Stellen im Storyverlauf freischalten könnt. Jeder dieser Follower hat individuelle Fähigkeiten und kann eine bestimmte Art von Hindernis überwinden. Die Schildkröte kann z.B. mit ihrem Panzerschild Feuerstrahlen blocken, der Adler kann Windräder in Gang setzen, usw. So kann es beispielsweise sein dass ihr an bestimmten Stellen mit Hindernissen erst weiterkommt nachdem ihr im weiteren Verlauf einen neuen Tier-Helfer freigeschaltet habt und dann die Stelle mit dem Hindernis noch einmal aufsucht.

Ihr könnt jederzeit zwischen den bereits freigeschalteten Followern wechseln. Auf der Weltkarte seht ihr an den verschiedenen Orten auch welche Follower erforderlich sind um das jeweilige Gebiet meistern zu können. Natürlich unterstützen euch die Follower auch im Kampf. Sie agieren weitgehend autark, nehmen aber auch gezielte Befehle entgegen (greife diesen Gegener an, stell dich dort hin, etc.). Ihr könnt euren Followern auch Consumables zuwerfen um sie zu heilen oder Spezialattacken einzuleiten und ihre Motivation durch gelegentliche Fist-Bumps oder High-Five hochhalten. Ausserdem könnt ihr eure Follower beim Schmied in Aegir´s Kneipe hochleveln.

Darf es etwas mehr sein?

In jedem Gebiet in jeder der fünf Welten gibt es jede Menge Dinge zu entdecken. Es gibt unzählige Sidequests, Secrets, Herausforderungen, Rätsel, usw. Besonders erwähnenswert sind in dem Zusammenhang noch die Gnome, von denen es in jedem Gebiet einen oder mehrere gibt. Diese Gnome wollen von euch immer ein bestimmtes Item haben, das in der Gegend in der ihr gerade seid gefunden werden kann. Meistens handelt es sich dabei um Consumables. Allerdings sagen sie nicht frei heraus was sie haben wollen, sondern verklausulieren es in einem Rätsel. Liefert ihr das richtige Item, dann erhaltet ihr eine Belohnung, mit der ihr z.B. bei der Händlerin in Aegir´s Kneipe eine Erweiterung für euer Inventar craften könnt. Es lohnt sich also die Gnom-Rätsel zu lösen.

Die grafische Gestaltung ist ein absolutes Highlight für VR-Games – bisher sah für uns kein Titel so beeindruckend aus.

Nur zwei halbe Gegner sind ein guter Gegner

Das Kampfsystem in Asgard´s Wrath arbeitet nicht physikbasiert wie in Blade&Sorcery oder Hellsplit: Arena und auch nicht beleidigungsbasiert wie in Monkey Island, sondern eher „eventbasiert“. Im Fokus steht dabei der Nahkampf mit Schwert, Schild, Axt usw. es gibt aber auch Fernkampfwaffen wie z.B. Armbrüste, Bögen oder Wurfäxte. Grundsätzlich gibt es vier Klassen von Gegnern, die einfachen Gegner ohne Rüstung, die einfachen Gegner mit Rüstung, die großen Gegner mit Rüstung und die Bossgegner.

Für die einfachen Gegner ohne Rüstung reicht eine simplen Hack&Slay-Taktik mit einem gelegentlichen Block. Gegner, die Rüstung tragen, muss man solange mit dem Blocken ihrer Angriffe ärgern, bis sie eine sogenannte „Signature Attack“ ausführen. Pariert man diese, dann verlieren sie entweder einen Teil oder ihre ganze Rüstung, je nachdem wie stark diese ist. Danach sind sie verwundbar für normale Angriffe. Die Kämpfe gegen die Bossgegner folgen ganz individuellen Gesetzen. Die Kämpfe fühlen sich (zumindest im Nahkampf) wuchtig an und benötigen durchaus die ein oder andere Stunde „Einarbeitungszeit“, aber man merkt wie die Kämpfe mit zunehmender Erfahrung und besserer Bewaffnung immer leichter von der Hand gehen. Natürlich wird man in den Kämpfen auch von seinem Tier-Follower unterstützt, den man gerade in grösseren Getümmeln auch taktisch einsetzen kann und sollte.

Und sonst so?

Die Hauptstoryline von Asgard´s Wrath nimmt ca. 25-30 Spielstunden in Anspruch. Allerdings gibt es so dermaßen viel nebenbei zu entdecken und erledigen, dass man sich mit dem Spiel ganz locker 50 Spielstunden und mehr beschäftigen kann. Solche Dimensionen ist man von nativen VR-Spielen einfach nicht gewöhnt. Das Spiel bietet drei Schwierigkeitsgrade, wobei die Gegner auf dem leichtesten davon immer verwundbar sind, unabhängig von der Rüstung. Von der ersten Sekunde an merkt man dem Spiel den hohen Production Value an, es unterscheidet sich ganz massiv von der bekannten VR-Indie-Kost.

Die Grafik sieht wahnsinnig gut aus und der Soundtrack ist absolut episch, passt immer gut zur Spielsituation und trägt einen großen Teil zur einzigartigen Atmosphäre bei. Es gibt kein dediziertes Tutorial, sondern die Spielmechanik wird einem beiläufig während der normalen Story immer mal wieder häppchenweise beigebracht. Dabei ist die Pace sehr angenehm. Wenn man etwas Neues gelernt hat hat man erstmal eine ganze Weile Zeit das zu verinnerlichen und mit bereits vorher gelernten Mechaniken zu kombinieren. Immer wenn man gerade anfängt zu denken dass es bald etwas repetitiv werden könnte, wird dann wieder etwas Neues erklärt. Die verschiedenen Spielmechaniken greifen sehr gut ineinander (z.B. das Item-Management mit dem Crafting und der Interaktion mit den Followern). Das ganze Spiel entwickelt von Anfang an einen schwer zu beschreibenden Flow, der es einem sehr schwer macht aufzuhören. Durch den Umfang ist das aber kein Problem, man kann einfach ewig zocken, da es mehr als genug zu tun gibt.

Fazit

Asgard´s Wrath ist ein absolutes Brett und krallt sich meiner Meinung nach aus dem Stand den Titel des bisher mit großem Abstand besten VR-nativen Spiels. Dabei glänzt es in sämtlichen Disziplinen und lässt die Konkurrenz mehr als alt aussehen. Es wird schwer werden danach wieder zu den gewohnten Indie-Spielen zurückzukehren. Man kann sicherlich über ein paar wenige Kleinigkeiten meckern, denn kein Spiel ist perfekt, aber Asgard´s Wrath ist sehr nahe an dem was ich persönlich mir unter einem perfekten VR-RPG unter Berücksichtigung des Stands der VR-Technik im Jahre 2019 vorstelle.

Asgard´s Wrath ist im Oculus Store erhältlich für 39,99€ und ist offiziell kompatibel mit Oculus Rift und Oculus Rift S, kann aber auch inoffiziell über Revive mit SteamVR- oder WMR-Brillen gespielt werden.

 

Addon: Technisches

Unser Tester nullptr|ron hat Asgard’s Wrath mit der Valve Index und reVive gespielt. Auch bei uns in der Legions-Redaktion haben wir uns mit dieser Kombination in die nordische Götterwelt gestürzt. Ganz perfekt läuft das Spiel mit reVive allerdings nicht, vor allem immer wieder auftretende starke Ruckler verleiden unter Umständen ein wenig den Spaß. Zudem ist die Performance auch mit anständiger Hardware (hier: R5 1600X mit 16 GB RAM und RTX 2080) nicht überragend. Aus unserer Community wird gemeldet, dass es nativ mit einer Oculus Rift (S) nachvollziehbar besser läuft, nicht nur was Ruckler sondern die generelle Performance angeht. Spieler mit der Vive Cosmos müssen zudem noch Geduld haben, bisher startet das Spiel bei ihnen nicht.

Trotz der technischen Probleme, die höchstwahrscheinlich mit einem Update von reVive behoben werden können, empfehlen wir das Spiel auch Index- oder Vive (Classic/Pro) Nutzern. Nahe an der Unspielbarkeit soll es allerdings mit Pimax-Brillen laufen, sowohl über die interne Pitool-Integration der Oculus-Titel als auch via reVive. Wir konnten uns allerdings noch nicht durchringen, es selbst auszuprobieren, teilt uns eure Erfahrungen aber doch in den Kommentaren mit.

Mit dem kommenden Link-Feature der Oculus Quest werden aber wohl zumindest Quest-Nutzer später ein einwandfreies Erlebnis haben, es ist anzunehmen, dass Oculus die Zugkraft ihres Flaggschiff-Titels auch für die Quest nutzen wird.

-> Asgard’s Wrath im Oculus Store

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4 Kommentare

  1. Schönes ausführliches Review.
    Dieses Spiel sollte auch auf der Gamestar getestet und beworben werden.
    Wann kommt von dir Dennis ein Video zu dem Spiel?

    • Je mehr Leute der Gamestar diesen Wunsch direkt schreiben, desto höher ist die Chance 😉 . Also, gogogo.

      Ein Video kommt, sobald ich genug nicht ruckelndes Videomaterial habe. Kann also noch etwas dauern..

      • Mit Pimax (Pitool) und Index Controller läuft das Spiel richtig cool. Kein ruckeln oder ähnliches. Allerdings ging kann ich nicht auf allerhöchster Grafikeinstellungen spielen.
        Gespielt habe ich mit einer 2080ti und einem I9-9900k Prozessor im PC.

  2. Hier noch der Motion Sickness Faktor: selbst mit alles hoch geschaltet ist dieser Recht hoch. Und durch die Anti Motion Sickness-Helfer habe ich (kleine)Teile des Spiels gar nicht erst zu Gesicht bekommen (mit Revive), für die Zeit blieb der Bildschirm einfach schwarz. Wer große Probleme mit Motion Sickness hat wird an diesem Spiel kaum Freunde haben.

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