Sniper Elite VR im Test – Uninspirierte Schießbude mit antiker KI

Eine weitere durchaus bekannte Flatspiel-Reihe hat ihren Weg in VR gefunden – wie sich Rebellions Sniper Elite in VR schlägt lest ihr hier.

Mit Sniper Elite 4 fand die Reihe auf dem PC, ganz ohne VR, vor einigen Jahren wieder zurück zu alten Stärken – eine offenere Welt mit vielen Möglichkeiten, sich gute Positionen für sein Scharfschützengewehr auszusuchen beispielsweise. Beim nicht vom Rebellion-Kernteam sondern bei den Teams Just Add Water und Coatsink entstandenen Sniper Elite VR geht es allerdings nicht auf diesem Wege weiter sondern eher zurück in die Vergangenheit – trotz moderner VR-Brillen.

Es ist ein wunderschöner Sommertag im Garten eines Landhauses im Süden. Vor uns ist ein gemütlich aussehendes Picknick aufgebaut, eine junge Familie spielt fröhlich auf dem Rasen, Lavendel blüht – ein Blick auf unsere VR-Hände zeigt aber, dass wir selbst nicht zur jungen Generation gehören sondern der bequem auf einer Bank sitzende Großvater sind. Der Duft von Baguette und Lavendel umhüllt uns und die Erinnerungen an die Vergangenheit ziehen auf. Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg, wo wir als Scharfschütze gegen die Faschisten gekämpft haben. So intensive Erinnerungen, dass wir in Gedanken Szene für Szene nachspielen.

Abstandsregeln, besonders für Sniper wichtig

Und das natürlich in Egoperspektive, da wir jetzt aber nicht der Großvater sind sondern VR-Spieler, die in Sniper Elite VR erleben wollen, wie sich der harte Alltag eines Scharfschützen angefühlt haben könnte. Und was ist da besser geeignet als ein Rückblick in die Vergangenheit.

Genau so fühlt sich die SteamVR-Version von Sniper Elite VR allerdings auch grafisch an – es ist gut sichtbar, dass die Möglichkeiten des PCs hier nicht ausgereizt werden sondern eher Oculus Quest und PSVR im Mittelpunkt der Hardwareoptimierungen standen. Zwar ist die Performance gut, optisch wirkt Sniper Elite VR aber eher wie ein Spiel aus der VR-Anfangszeit beziehungsweise wie ein flacher Retro-Titel vom Ende des letzten Jahrtausends. Besseres Licht, etwas mehr Polygone und ein wenig  hübschere Texturen als bei den anderen Plattformen – ok. Aber grafisch lockt Sniper Elite VR auf dem PC keine Nazis aus dem Führerbunker. Aber ach, Optik ist nicht alles. Wenn der Rest stimmt..

Wir sind wieder jung, checken unser Gewehr während wir unseren Kameraden durch vom Krieg gezeichnete Straßen folgen. Plötzlich explodieren Bomben neben uns, töten Kameraden und lassen Autos durch die Luft wirbeln. Es ist Krieg.

Technisch altbacken

Allerdings ist die Erinnerung unseres Alter Ego offenbar ein wenig getrübt, zumindest was die Glaubhaftigkeit der Physik in den 1940er Jahren angeht. Das von einer Bombe getroffene Auto fliegt dann doch eher wie in einem Retrospiel durch die Luft statt sich physikalisch halbwegs korrekt zu verhalten. Und auch die bei einer Explosion aus einer Wand brechenden Steinbrocken erinnern eher an Spiele von ganz früher. Egal, Nebenschauplatz, Gewehr schnappen und ab zum Anführer, der bereits auf uns wartet.

Sieht aus wie das erste Medal of Honor, ist aber das 2021er Sniper Elite VR.

Vor unseren Augen wird dieser allerdings von einer Kugel getroffen, wir sind auf uns alleine gestellt. Jetzt naht der erste Einsatz gegen eine Übermacht fieser Nazi-Schergen, die sich auf der Straße verbarrikadiert haben. Wir nehmen das Gewehr und halten uns das Scope ans Auge. Ärgerlich für Zuschauer auf einem Monitor: Der Mirrorscreen zeigt das Geschehen des linken Auges, ich ziele aber mit rechts. So bleibt das Snipern für Zuschauer langweilig.

Im Spiel allerdings rücken die Gegner nun in unmittelbare Nähe. Eine Einblendung verrät uns, dass wir mit dem Drücken des linken Triggers einen Focusmodus aktivieren können – damit zoomt der Feind noch etwas näher heran und wir zittern etwas weniger. Außerdem verrät uns eine rote Einblendung, wo die Kugel unter Berücksichtigung von Wind und Entfernung landen wird – praktisch. Zielen, warten, Schuss. Statt zu beobachten, wie der Gegner einfach nur tot umfällt, verlässt unsere Ansicht nun den Körper, wir rasen in Form des Projektils auf den Feind zu. Der Treffer wird dann in Form der Serienspezialität „Killcam“ zelebriert: Eine Art Röntgenansicht des Feindes zeigt uns in erschreckenden Details, welchen Schaden die Kugel im Körper anrichtet. Zersplitternde Knochen, zusammenfallende Lungenflügel – so etwas.

Killcam: Surgeon Simulator meets Shooter

Die Killcam ist wohl der Teil des Spieles, der Sniper Elite am ehesten auszeichnet. Was bei Mortal Combat die Fatalities ist bei SE diese Kameraperspektive. Wie häufig nach einem Treffer die Killcam eingeblendet wird, entscheidet ihr in den Optionen. Mit der Zeit wird sie nämlich etwas nervig, der Wow-Faktor der ersten Treffer nutzt sich schnell ab.

In so einem Körper kann verdammt viel kaputtgehen. Leider nutzt sich der Reiz der Killcam nach einiger Zeit ab.

Die Kugel ist im Gegner, doch da sind noch viele weitere. Mist, nach jedem Schuss muss eine neue Patrone in den Lauf befördert werden. Das funktioniert wie bei Pavlov, Contractors oder Onwards manuell indem wir die passende Bewegung am Gewehr vollziehen. Allerdings fanden wir das Repetieren und Nachladen etwas fummelig und nicht geschmeidig genug.

Die Schwierigkeitsstufen nennen sich „Nachladen manuell/automatisch“

Manuelles Nachladen kann im Kampf für genau den zusätzlichen Adrenalinausstoß sorgen, der perfekt ist um sich voll ins Spiel reingesogen zu fühlen. Bei Sniper Elite VR allerdings haben wir öfter geflucht weil es auch mit etwas Übung nicht so einfach von der Hand geht, wie es sollte. Dann schlägt die freudige Anspannung in Ärger und Frust um – zumal die Checkpoints (in Form von Funkstationen, die aber nur betätigt werden können, wenn kein Feind in der Nähe ist) mitunter ungünstig liegen. In den Optionen lässt sich das Nachladen allerdings auch auf automatisch stellen. Dann übertreibt es das Spiel mit dem Komfort aber etwas: Wir müssen nicht einmal mehr eine Taste drücken, alles geschieht von Zauberhand (wenn auch absichtlich etwas verlangsamt um es nicht zu einfach zu machen).

„Nicht zu einfach zu machen“ ist aber leider auch etwas misslungen – es wirkt als gebe es im Spiel zwei Schwierigkeitsgrade, die mit „manuellem“ und „automatischem“ Nachladen gekennzeichnet sind. Letzteres sorgt dafür, dass wir etwas zu rasch durch die Level marschieren können.

War da was?

Ein weiterer Kritikpunkt ist die teilweise recht zweifelhafte KI der feindlichen Schergen. Eigentlich ist das von den Entwicklern angedachte System reizvoll: Gegner reagieren auf Geräusche, entdeckte verstorbene Kollegen und nach einer gewissen Zeit auf Sichtkontakt. In vielen Missionen kommt es darauf an, nicht gleich zu viel Aufmerksamkeit anzuziehen. Ein sorgsames Vorgehen ist daher durchaus relevant und wird auch belohnt. Die Umsetzung jedoch ist nur bedingt gelungen: Das mit den Geräuschen klappt noch sehr gut (und wir müssen auch immer wieder beispielsweise vorbeifliegende Flugzeuge abwarten damit unser Schuss nicht gehört wird), beim Sichtkontakt fühlen wir uns aber wieder in die Spielevergangenheit versetzt. Die grafisch eher ausdruckslosen Soldaten werden mit Ausrufezeichen über dem Kopf markiert, dessen Füllstand anzeigt, wie lange er noch braucht, uns zu entdecken. Allerdings können wir den Gegnern mitunter ungestraft in die Augen schauen, wir müssen nur rechtzeitig wieder verschwinden – unentdeckt. Außerdem ist es mir beim Spielen mehrfach gelungen einem Soldaten den Schädel wegzuschießen obwohl sein Kollege direkt nebenan stand. Er schaute halt gerade nicht hin, fällt ja nicht auf, so ein bisschen Gehirn in den Haaren. Erst als er seine Wachrunde beendete und die Leiche fand, war er aufgebracht.

Gegenstände greifen funktioniert wie bei Alyx. Nur nicht ansatzweise so geschmeidig.

Das Spielprinzip besteht aber nicht nur aus zersplitternden Schädeln. Wir sind auch mit SMGs, Pistolen und sogar „Nahkampfwaffen“ wie einem Hammer unterwegs. Wie alle Waffen im Spiel sind auch diese ein wenig „off“ und wirken, als wären sie nicht perfekt zum Spieler platziert. Ärgerlicher ist aber, dass sie sich in der Bedienung nicht sehr angenehm anfühlen. Medal of Honor war unterhaltsamer beim Gunplay (abzüglich Snipern, das macht SE VR tatsächlich besser).

Gelegentlich müssen auch Rätsel im Stile „Suche den Schlüssel“ gelöst werden. Das bringt zwar etwas Abwechslung in den Scharfschützenalltag, fordert das Hirn aber nicht sonderlich. Interessanter ist es da schon, es dann doch mit dem Schleichen zu versuchen. Das funktioniert auch besser als schnellere Bewegung, da wir beim Gehen oft an irgendwelchen Kanten im Level hängen geblieben sind – nervig.

Statt strategisch und lautlos vorzugehen, könnt ihr (zumindest mit automatischem Nachladen) auch einfach Rambo spielen – mit der Snipergun einhändig aus der Hüfte geschossen.

Fazit: Ballerbude mit Scharfschützen

Ihr lest es schon heraus – wirklich begeistern konnte mich Sniper Elite VR nicht. Die meisten Level sind einfach nur kurze Schläuche die sehr rasch durchgespielt sind. Die 18 Missionen des Spieles reichen insgesamt zwar für 4-5 Stunden – mehr, wenn ihr versucht die optionalen Missionsziele zu schaffen. Apropos: Die Level sind alle einzeln anwählbar, so dass ihr immer mal wieder versuchen könnt, euch zu verbessern.

Allerdings stören die oft nur kurzen Level und das generelle Spielprinzip nicht nur die Immersion sondern auch den Spielfluss. Sniper Elite VR wirkt etwas wie ein Handygame mit VR-Anteilen. Immerhin müssen wir keine Sterne verdienen um Level freizuschalten – ansonsten sind die Parallelen aber deutlich. So nett die Geschichte mit dem sich erinnernden Großvater auch ist, sie trägt nur wenig zum Spiel bei und ist zudem alles andere als neu.

Sicherlich wird es unter euch welche geben, die enorm viel Spaß mit Sniper Elite VR haben werden. Wer aber die Flat-Titel kennt und etwas ähnliches in VR erwartet könnte enttäuscht werden. Wer Medal of Honor bereits für zu flach und lahm hielt, könnte sogar noch stärker enttäuscht werden – Medal of Honor strotzt vor Entwicklerliebe während Sniper Elite eher wie eine seelenlose Auftragsarbeit wirkt. Für Fans von Scharfschützengewehren empfehlenswert – zumal das die einzige Waffe im Spiel ist, die tatsächlich Freude bereitet. Uns. Nicht dem Feind. Natürlich.

 

 

 

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3 Kommentare

  1. „seelenlose Auftragsarbeit“, nach so einem Terminus habe ich noch gesucht :). Ich hab das Spiel nicht probiert, aber alles was ich bisher gesehen und gelesen habe darüber, wird hier im Test ausgezeichnet zusammengefasst. Die Neugier das selbst zu erleben hält sich stark in Grenzen, freundlich ausgedrückt. Wann kommen wieder wirkliche AAA-Titel?!

  2. Leider, trotz fehlerhafter Spielbeschreibung, gibt es keine deutsche Sprachausgabe in diesem Spiel.
    Ich bin schwer enttäuscht und hatte mir eigentlich ein modernes Snipergame mit deutscher Sprachausgabe in VR erhofft.
    Nun gut, abwarten und weiter suchen, ev. wird es ja irgendwann einmal eines geben ;-(

  3. Also es hebt sich schon deutlich von dem ganzen trash ab, den wir sonst so erleben. Aber der große Wurf ist es nicht und kein AAA, dass stimmt. Bezüglich Grafik: Die finde ich tatsächlich sehr gut. @VR-Legion: Habt ihr im Spielemenü auch die „hohe“ Grafikoption gewählt? Generell ist das Menü zu loben; alles wichtige kann man einstellen, ist oft nicht so.

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