Virtual Reality auf dem Jahrmarkt getestet – VR als Erweiterung der Achterbahn

Movie Power bietet kompakte VR-Hardware für Schausteller und Kinos

Achterbahnen sind ein klassischer VR-Einstieg – warum nicht echte Achterbahnen mit VR tunen? Wir haben uns umgeschaut, wie gut das bereits umgesetzt wird.

Die erste Berührung mit VR haben viele Menschen nicht im heimischen Wohnzimmer sondern auf dem Jahrmarkt. Immer mehr Achterbahnen bieten schüchtern einen „VR-Modus“ gegen Aufpreis an, einige Aussteller konzentrieren sich sogar komplett auf die virtuelle Jahrmarktsrealität. Wir haben uns ein wenig umgeschaut und ein paar der (bevorzugt in Norddeutschland) gelegenen VR-Rides angesehen um für euch darüber zu berichten. Und natürlich um ein paar Runden durch hoffentlich fantasievoll gestaltete immersive Welten abzutauchen. Denn immerhin ist die VR-Achterbahn auf dem Rummelplatz für einige Leute tatsächlich die erste VR-Erfahrung überhaupt – wer hier verschreckt wird, kauft sich privat garantiert keine VR-Brille.

Die Wilde Maus XXL VR

Auf dem „größten Volksfest im Norden“, dem Hamburger Dom, haben wir im vergangenen Frühjahr die „Wilde Maus XXL“ ausprobiert – natürlich mit der 2 Euro Aufpreis kostenden VR-Brille. Die Wilde Maus XXL ist eine Bahn die ihren Reiz aus den abrupten Kurvenfahrten in der Höhe zieht, schnelle Abfahrten gibt es ein paar, Loopings sind nicht vorhanden. Das Fahrgeschäft ist ein Klassiker auf Jahrmärkten, wirkt auf hyperaktive Teenager aber mitunter etwas eingestaubt.

Wer sich für die VR-Erweiterung entscheidet, bekommt eine GearVR mit fest eingebautem Smartphone auf den Kopf gesetzt. Sonderlich motiviert die neue Technik zu erklären waren die Mitarbeiter nicht, für eine Einführung bleibt in der Hektik direkt am Einstieg der Bahn aber auch keine Zeit – nicht so toll für Neulinge ohne VR-Erfahrung.

Die Wilde Maus XXL ist zwar erst ab 12 Jahren mit VR freigegeben, richtet sich aber eindeutig an jüngere Kinder.
Die Wilde Maus XXL ist zwar erst ab 12 Jahren mit VR freigegeben, richtet sich aber eindeutig an jüngere Kinder.

Statt der Holzstreben der Wilden Maus gibt es in VR einen Film mit einem ebenso wilden Flug quer durch einen in Comicgrafik dargestellten Bauernhof zu sehen. Die Bewegungen waren zumindest bei meinem Versuch recht gut mit der VR synchronisiert. Die Grafik ist kindgerecht gehalten, so wie das ganze Fahrgeschäft sich an deutlich minderjährige Besucher richtet – das ist vollkommen ok und dafür war die VR-Erfahrung sogar sehr gut.

Nachteile gab es allerdings auch: Die Wilde Maus neigt zu ruckartigen Bewegungen. Bei einer davon, direkt am Anfang, stieß mein Sohn mit seiner VR-Brille gegen meinen Kopf – dabei hat sich die VR-Brille leider abgeschaltet. Zudem waren die in der VR dargestellten Bewegungen der Gondel nicht immer perfekt mit den realen Bewegungen des Fahrgeschäfts synchronisiert. Das reißt nicht nur aus der Immersion sondern verursacht unter Umständen auch Motion Sickness.

Fazit: Für zwei Euro ist das VR-Addon der Wilden Maus XXL in Ordnung – die echte Bewegung der Bahn macht die VR-Achterbahn sehr unterhaltsam. Allerdings kommt einem die Fahrt noch viel kürzer vor als ohne VR. Meinem Sohn wurde angeboten, die Fahrt kostenfrei zu wiederholen.

Dr. Archibald

Auch die aufwändige VR-Bahn „Dr. Archibald“ haben wir auf dem Hamburger Dom anschauen können. Eine Fahrt dauert etwa vier Minuten und kostete im vergangenen Jahr sieben Euro für Erwachsene. Anstatt nur eine bestehende Bahn mit VR aufzupeppen ist Dr. Archibald komplett für VR entwickelt worden – kein

Dr. Archibald ist ein aufwändig gestalteter VR-Trip, bei unserem Besuch leider mit technischen Problemen.
Dr. Archibald ist ein aufwändig gestalteter VR-Trip, bei unserem Besuch leider mit technischen Problemen.

günstiges Vergnügen, fünf Millionen Euro soll die Entwicklung gekostet haben.

Ganz wie in Vergnügungsparks gibt es bei Dr. Archibald nicht nur sehr lange Warteschlangen sondern auch eine Einführung vor dem Fahrgeschäft. Dort wird die Hintergrundgeschichte rund um einen Zeitreisenden fantasievoll erzählt und auch auf die VR-Technik eingegangen. Bewegte Zeitungsartikel, ganz wie bei Harry Potter, unterhalten die Zuschauer dabei schon in der Warteschlange und stimmen auf die Bahn ein.

Technisch setzt Dr. Archibald auf die Oculus Rift, die per Kabel an einem in der jeweiligen Gondel untergebrachten PC mit Daten versorgt wird. Kurz vor meiner Fahrt ließ sich allerdings ein zunehmend hektischer werdender Techniker beobachten – ich sollte kurz darauf den Grund für seine Hektik erfahren: Die VR-Erfahrung lief nicht mehr ansatzweise synchron mit den realen Bewegungen der Bahn. Der Versatz lag bei (geschätzt) mindestens einer Sekunde – das Auge hat also eine Kurve in der Ferne gesehen, die der Körper gerade bereits spürt. Unschön.

Das war sehr schade, denn im Grunde hat Dr. Archibald eine grafisch ansprechende und auch sehr fantasievolle Reise auf der Suche nach dem namensgebenden Zeitreisenden inszeniert. Dass es sich im Grund nur um ein sehr schlichtes Fahrgeschäft handelte war dabei sogar egal, die VR-Erfahrung wusste zu Überzeugen. Wären da nicht die offenbar nicht so leicht zu behebenden technischen Probleme gewesen. Geld zurück gabs es dafür übrigens nicht.

„Movie Power“ 9D VR-Egg

Das chinesische Unternehmen „Movie Power“ bietet komplette VR-Lösungen für Kinos, Arcades und auch mobile Varianten für Schausteller an. Auf dem Hafenfest in Wedel (bei Hamburg) haben wir Ende Juni das Angebot eines sehr unscheinbaren Standes getestet. Etwas schüchtern neben einem Auto-Scooter befand sich die VR-Achterbahn in einem schlichten Anhänger. Drei 9D Single VR Eggs von Movie Power standen dort, japano-futuristisch gestaltete Sitze die auf einer Hydraulik befestigt wurden. So simuliert der Stuhl die Bewegungen des VR-Filmes in der per Kabel mit dem Sitz verbundenen VR-Brille. Der Spaß kostet 5 Euro, die Fahrt geht mehrere Minuten.

Auch wenn die genutzte VR-Brille per Kabel mit dem Sitz verbunden ist, es handelt sich keineswegs um eine Oculus Rift, WMR oder gar HTC Vive. Leider war das Standpersonal nicht sonderlich gut über die Technik informiert, die Aussage „das sind halt die normalen VR-Brillen“ war wenig hilfreich. Aufgrund eines starken Fliegengitters und ganz offenbar auch einer viel zu geringen Wiederholrate  war der optische Eindruck enttäuschend. Komplett synchron waren die Bewegungen des Stuhles mit dem angezeigten Bild nicht. Total aus dem Takt kam das System beim Versuch sich in VR umzuschauen – lasst es einfach.

Der gebotene Film war durchaus interessant gestaltet – die meisten Besucher des VR-Rides dürften an diesem Tag das erste mal aus einem Flugzeug gefallen sein um in einer wilden Achterbahn zu landen. In VR gezeigte Loopings sind aber keine gute Idee, wenn der Stuhl schon aus rein physikalischen Bedenken nicht ebenso einen Looping vollführt.

Movie Power hat ein interessantes Konzept aber leider veraltete Technik
Nachwuchs-Legionär Simon und Webmistress abraxa haben sich in das weiße VR-Ei gewagt.

Positiv anrechnen möchten wir der chinesischen Franchise-Lösung von Movie Power aber das kompakte Design – wäre nur nett wenn ab und zu die VR-Hardware aktualisiert werden könnte. Die schnell von Motion Sickness geplagte abraxa gibt übrigens Entwarnung bei diesem Punkt: Die VR-Fahrt ist sogar harmloser für den Magen als eine echte Achterbahn. Mit 5 Euro ist der Preis allerdings etwas hoch angesetzt.

Weitere VR-Rides folgen

Wir werden diesen Artikel um weitere VR-Achterbahnbesuche erweitern. Natürlich könnt auch ihr helfen: Wenn euch ein Erlebnis mit einem VR-Ride auf der Seele brennt, schreibt uns unter dennis(at)vr-legion.de einfach an oder schaut bei Discord vorbei. Helft, diese Liste umfangreicher zu gestalten!

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3 Kommentare

  1. Wir haben uns letztes Jahr Dr. Archibald bei der Premiere aufm Dom angesehen .. und hatten genau den gleichen beschriebenen Versatz (und der Sound war viel zu leise). „Interessant“, dass es anscheinend immer noch so ist 🙁

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