Stormland – VR-Megahit von Insomniac und Oculus im Test

Für VR-Gamer beginnt die schönste Zeit des Jahres: Spiele wie Stormland bringen Flat-AAA-Qualitäten endlich in die virtuelle Realität. Wir haben uns ins Spiel gestürzt, hier der Test.

Oculus hat Geld in die Hand genommen. Zugegeben, das machen sie öfter, schließlich ist auch die Entwicklung von Hardware wie Quest und Rift S nicht ganz günstig. Aber im Gegensatz zu einigen Mitbewerbern hat Oculus einen wichtigen Punkt verstanden: Die beste Hardware bringt nichts, wenn die passende Software fehlt. Zwar haben Indie-Entwickler zunehmend hochwertigere Spiele geliefert, an die polierten AAA-Erfahrungen vieler Flatgames kommen sie schon aus Budgetgründen nicht heran. Eine Softwareoffensive von Oculus sorgt nun für teuer produzierte Hochglanzware, die diesen Herbst im Oculus Store aufschlägt. Und tatsächlich dürfte für jeden etwas dabei sein.

Nach Asgard’s Wrath, das mit nordisch-phantastischer Umgebung und timingbasierten (Nah-)Kämpfen in hübscher Grafikumgebung punktet, erscheint am 14. November der nächste Streich mit Stormland. Das von den sowohl in Flat als auch VR erfahrenen Entwicklern von Insomniac Games erstellte Spiel bietet weder Nordmänner noch Schwertkämpfe, dafür aber Androiden, eine größtenteils offene Spielwelt und unterhaltsame Fernkämpfe mit Energiewaffen. So ziemlich das genaue Gegenteil von Asgard’s Wrath also.

Und das ist gut so, schließlich kann sich so jeder aussuchen, was er lieber mag. Ich (Der_Dod) habe mich für Stormland entschieden, schon wegen des tollen Koop, der das Spiel auf einen ganz neuen Spielspaß-Level hievt. Doch dazu später mehr.

Nach The Unspoken ins Sturmland

Insomniac sind keine VR-Neulinge, mit Edge of Nowhere und The Unspoken haben sie bereits Erfahrung mit der virtuellen Realität sammeln können. Bekannter ist das Studio aber sicherlich aufgrund von Flat-Erfolgen wie dem letzten Spiderman-Spiel. Es zeigt sich: Die Erfahrung hat sich ausgezahlt. Das Studio scheint die Entwicklungen bei VR-Games in den letzten Jahren offenbar intensiv beobachtet.

So führt uns Stormland behutsam in die Spielmechaniken und die Bedienung ein – unser Androiden-Alter-Ego ist Anfangs noch recht unvollständig, Zusatzmodule gibt es im Laufe der ersten halben Spielstunde nahtlos in die Story eingebunden zu finden. In Form von Erinnerungsfragmenten sehen wir vor uns zudem immer auch eine kleine Episode aus der Vergangenheit, die die Bedienung erklärt.

Im Koop bringen die Kämpfe noch mehr Spaß als eh schon.

Nach und nach tauschen wir erst unseren defekten Primär-Arm gegen ein funktionierendes und mit einem kleinen Laser versehenes Modell aus dem 3D-Drucker aus und basteln uns kleine Modifikationen an den Körper, die uns beispielsweise über die Nebelfelder gleiten lassen oder Klettern ermöglichen. Und das alles, ohne auch nur ein Menü aufrufen zu müssen: Der Kompass schwebt also (aufrüstbare!) Holoanzeige über dem Arm, wir können sogar damit interagieren. Der Laser und ein Schild werden jeweils per Trigger ausgelöst, nehmen wir eine Waffe in die jeweilige Hand, löst der Trigger stattdessen einen Kugelhagel aus. Alles fühlt sich flüssig und gewollt an, wir kämpfen nicht dauernd mit verschachtelten Menüs und vielfacher Button- und Touchfeldbelegung: perfekt umgesetzt!

 

Eine Welt ohne Menschen

Von der Handlung wollen wir nicht zu viel spoilern, erlebt das Spiel lieber selbst. Uns hat der Ausflug in eine ganz offenbar einmal von Menschen bewohnte Welt mit mystischen Nebeln und futuristischer Architektur richtig gut gefallen. Auch wenn die Handlung nicht ganz an Genrekönige heranreicht, die Präsentation und das Mittendringefühl der VR machen den Unterschied. In Flat wäre Stormland ein Spiel von vielen, in VR gab es eine derartige Produktionsqualität bislang schlicht noch nicht. Tatsächlich zieht es uns immer noch stark in den Androidenkörper: Review schreiben wirkt so unwichtig, wenn man doch stattdessen auch ein paar Stunden auf Nebelwellen gleiten und andere Roboter abknallen könnte.

Apropos Wellen: Das Gleiten fühlt sich tatsächlich ein wenig nach surfen an, wenn wir mit viel Schwung durch unsere Booster und herumschwebende „Nachbrenner-Bojen“ über einen Wellenkamm düsen, fliegen wir schon einmal recht imposant quer durch den Level. Der Spaß ist im Koop sogar noch viel größer wie ich beim gemeinsamen Spiel mit MRTV feststellen konnte.

Die Kampagne im Koop Multiplayer

Stormland bringt solo sehr viel Spaß, noch besser wirds aber im Koop. Wie schon Borderlands (nur dummerweise nicht Borderlands VR) zeigte, ist ein gut implementierter Koop ein Garant für so viel mehr Spielspaß. So auch bei Stormland: Nachdem wir erst einmal ein Androiden-Upgrade in der Sidequest „Lost Operator“ gefunden haben, das uns das Rufen von Verstärkung ermöglicht, findet sich ein Holomenü für den Multiplayer. Hier werden alle Freunde aus dem Oculus Store angezeigt, die das Spiel ebenfalls zocken, in laufende Partien können wir auch einfach jederzeit einsteigen. Oder einsteigen lassen: Kumpel rufen, kurz warten und schon ist da ein hilfreicher Roboter zusätzlich auf der Karte. Stichwort Karte: Die Hololandkarte im Spiel lässt sich mit Wegpunkten versehen, wobei wir auch die Punkte sehen, die unser Koop-Partner hinzufügt. Eine Kleinigkeit aber eines der Details, die das Spiel von „gut“ zu „außergewöhnlich“ aufwerten. Dazu gehört übrigens auch die chillige Musik, die beim Gleiten durch die Nebel einsetzt und das stimmige Leveldesign.

Selbst wenn ihr euch dieses Jahr nur ein einziges VR-Spiel kauft, wäre Stormland unser Tipp.

Nummer 5 klebt

Hervorheben möchten wir stellvertretend die Klettermechanik des Spieles: Wir können an jeder Oberfläche im Spiel klettern und so den Level sehr intensiv erforschen und die Umgebung im Kampf nutzen. Überraschungsangriffe von Oben oder mit einer Hand an einer Klippe hängend bringen besonders viel Spaß! Das liegt auch daran, dass wir zum Klettern nicht passgenau greifen müssen, das Spiel vergibt hier sehr viel. So frustriert das Klettern zu keinem Zeitpunkt sondern motiviert zusätzlich. Um die Wette klettern mit dem besten Freund? Warum nicht?

Stormland ist wunderschön

Und natürlich die fantastisch aussehende Umgebung. Obwohl Stormland mit 15 Gigabyte gegenüber den über 100 Gigabyte eines Asgard’s Wrath fast schmächtig anmutet, stecken hervorragende Texturen und viel Inhalt im Spiel. Der Boden ist deutlich weniger platt als bei Asgard, vor allem, da auch überall Vegetation herumwächst und den Boden kunstvoll verdeckt. Die Umgebungen sind ebenso weitläufig wie außerirdisch-ungewöhnlich. Das macht einen Ausflug ins Spiel fast zu einem Abenteuerurlaub in einer sehr fremden Welt. Und wie oft: Mit einem Kumpel bringt der Urlaub mehr Spaß. Erwähnten wir den faszinierenden Koop? Ja? Ok.

Immer wieder finden sich wunderschön gestaltete Höhlen, die keinen weiteren Zweck erfüllen als „da sein und gut aussehen“. Das ist hervorragend, da es einlädt, die Spielwelt noch intensiver zu erkunden. Stormland saugt mit seiner Atmosphäre den Spieler förmlich ein und erfüllt eines der größten VR-Versprechen: Immersion. Durch die eingängige Steuerung, surreal-schöne Grafiken und Umgebungen und realistische Physik zieht uns das Spiel in seine Welt, viel mehr als ein Flattitel es könnte. Wir bewegen uns mit dem ganzen Körper in dieser Welt und Koop-Partner lassen sich an ihrer Körpersprache tatsächlich auch ohne Worte erkennen.

Stormland: Sieht nicht nur gut aus, spielt sich auch toll.

.. und genügsam

Dank Tricks wie ASW muss Stormland nicht zwingend mit durchgehend 80 FPS laufen um flüssig spielbar zu sein. Das ist nicht unpraktisch, denn so lässt es sich auch in guter Optik selbst mit einem vergleichsweise schwachen PC genießen. Wir haben es zwar primär auf einem Ryzen 5 1600x mit 16 GByte DDR4-3000 und einer RTX 2080 gespielt, was erwartungsgemäß auch in der Detailstufe „Ultra“ für ein flüssiges Spielerlebnis sorgte. Aber testweise durfte ein deutlich schmaleres System mit Intel Core i5-7600, 16 GByte DDR4-2400 und AMD RX570/8GB zeigen, was in ihm steckt. Das Spiel schlug auf diesem System die niedrigste Detailstufe „Low“ vor, was zu einer matschigen und flimmernden Grafik wie bei schlecht optimierten PSVR-Games mit einer PS4 Slim anmutete. Auch die mittlere Detailstufe „medium“ sorgte kaum für Besserung: In dieser ist das gegen das Texturflimmern helfende temporale AA noch nicht aktiviert, was sich aber manuell nachholen lässt. Viel weniger Performance bietet aber auch der noch einmal hübschere Detailgrad „hoch“, mit dem das Spiel auf dem kleinen System zumindest mit 70% Auflösungsskalierung erstaunlich gut spielbar ist. Gelegentliche Framedrops müsst ihr bei einem so günstigen PC aber hinnehmen. Eine schnellere Grafikkarte würde hier Wunder wirken.

Dennoch, die gute Performance bei immer noch hübscher Grafik auf dem kleinen System (es entspricht von der Leistung her etwa unserem 550-Euro-PC aus der VR-Kaufberatung) hat uns positiv überrascht.

Zumindest bis zum Zeitpunkt dieser Review, also immer noch vor Release des Spieles, funktioniert Stormland nicht mit Revive und auch nicht mit der Pimax-Integration der Oculus-Software. Das Spiel startet gar nicht erst. Das dürfte sich nach Erscheinen des Titels aber erfahrungsgemäß schnell ändern. Auf dem kleinen PC weigerte sich das Spiel zudem ebenfalls gelegentlich zu starten, obwohl wir eine Oculus Rift S zum Testen genutzt haben.

In unserem Review-Video zeigen wir auch die Unterschiede der Grafik-Detailstufen

Fazit – Kaufempfehlung

Wenn sich ein Spiel bisher nach VR 2.0 angefühlt hat, dann ist es Stormland. Es fühlt sich tatsächlich an wie ein hochglanzpolierter und mit Millionen Dollar Werbebudget in den Markt geworfener AAA-Titel für Playstation 4 oder Xbox One – im positiven Sinne! Hier stören keine kleinen Entwickler-Unachtsamkeiten des Spielfluss, hier haben sich einige begabte Leute viele Gedanken um eine möglichst perfekte Nutz- und Spielbarkeit gemacht. Grafisch ist Stormland ebenso faszinierend wie bei der Vertonung: Der Koop-Partner hat sogar Hall in der Stimme, wenn ihr euch in einer Höhle der Halle befindet, die Melodie beim Gleiten durch die Nebel, die Qualität der Sprecher – alles stimmt.

Ja, ich bin begeistert. Der Koop mit MRTV hat die allerletzten Zweifel beseitigt: Stormland ist mein Spiel des Jahres 2019. Und 2016-2018 gleich mit dazu. Näher an das, was wir VR-Enthusiasten uns schon seit Jahren wünschen, ist bisher kein VR-Game gekommen. Und damit dürfte es eigentlich auch für bislang VR ignorierende Flatgamer interessant sein – Stormland fühlt sich schließlich passend polished an.

Stormland erscheint am 14. November für 39,99 Euro im Oculus Store. Als Exklusivtitel ist keine Umsetzung für SteamVR geplant. Revive-Erfahrungen reichen wir nach.

 

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5 Kommentare

  1. Ein AAA-Titel auf meinem PC hat deutsche Sprachausgabe oder wenigsten deutsche Untertitel. Ansonsten ist ein evtl. ein gutausehende Spiel aber kein AAA-Titel. Nicht in der heutigen Zeit.

    • Das ist halt deine ganz persönliche Definition. Die muss aber nicht auf jeden zutreffen. Wer auch nur minimal englisch kann – und das ist heute ja nun nicht sooo ungewöhnlich – der wird eigentlich genug verstehen. Level 13-jähriger eher fauler Schüler reicht, wie ich an meinem Sohn sehe.

      • Reicht schon, ist aber nicht mehr zeitgemäß. Fast jedes billige Game (>20,-) hat Multilanguage Support und da es sich hier um ein Oculus/Facebook-Vorzeigespiel handelt und Facebook ein Weltkonzern ist, sollte Mehrsprachigkeit doch kein Problem darstellen, oder?

        Für mich ist es, neben Asgards Wrath, das VR-Spiel schlechthin, aber das heisst nicht, dass man es nicht kritisieren darf. Ich kenne viele „Schüler“, die nicht verstanden haben, was gemacht werden muss, sondern es nur durch Ausprobieren schafften, obwohl sie schlechtes Englisch können.

  2. Wer heutzutage als Schüler Probleme hat mit dem Englisch in Spielen der sollte lieber Nachhilfe bekommen anstatt seine Zeit mit zocken zu vergeuden. Englisch ist nunmal Standard grade bei Computer Medien und bei VR erst recht weil das Budget insbesondere im VR bereich recht klein ist.
    Man sollte sich (leider) dran gewöhnen das Deutsch international immer weniger eine rolle spielt, merkt man schon deutlich an blueray Filmen zb. Die deutsche Vertonung liegt fast nie in master hd vor. Englisch immer.
    Mal abgesehn davon das die deutsche Syncro bei vielen Spielen zu heulen ist.

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